Sachte und ganz langsam erwacht die eigentlich so rasante Rennszene auf deutschen Straßen nach dem strikten Corona-Virus-“Shutdown“ wieder zum Leben - mit der morgigen DM des U19-Nachwuchses. Ein sanftes Pflänzchen, dem größte Sorgfaltspflicht von Seiten aller Beteiligten, den Organisatoren, Sportlern, Betreuern, Zuschauern, Pressevertretern entgegengebracht werden muss. Dreh- und Angelpunkt für weitere Rennveranstaltungen.

 

So steht die erste Deutsche Meisterschaft der Straßensaison 2020 (U19 m/w, Einzelzeitfahren) am morgigen Sonntag, dem 12.Juli, in Esplingerode (Harz) „unter genauer Beobachtung und gilt als Fixpunkt“, erklärt BDR-Vizepräsident Günter Schabel. Denn wenn die Zeitfahr-DM der Juniorenklassen, die zudem Auftakt der „Müller – Die lila Logistik Rad-Bundesliga 2020“ ist, mit all ihren strengen Hygienevorschriften gut über die Bühne geht, dann ist man tatsächlich auf dem Weg zurück in den Rennsport. Aber: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Dieser Re-Start im nationalen Sportbetrieb, ausgerichtet vom Tuspo Weende und dem VCE Duderstadt, ist nach der viermonatigen coronabedingten Stilllegung des beinahe gesamten Sports eine extreme Herausforderung.

 

Zuschauer sind für morgen zugelassen, sollten sich aber möglichst an der Strecke verteilen und die allgemein geltenden Abstands- und Sicherheitsbestimmungen einhalten. Auch die Siegerehrungen verlaufen mit Mundschutz und kontaktarm, macht Schabel deutlich. „Es wird eine Treppe geben, aber anders als sonst, wird der Sieger diesmal zuerst geehrt. Das Deutsche-Meistertrikot und alle Medaillen greifen sich die ersten Drei von einem Tablett.“ Alles ist genau durchdacht und präzise geplant. Fingerspitzengefühl ist nötig. Feinarbeit. Penibel. Sämtliche Informationen und Bestimmungen sind auf der Homepage des Tuspo Weende einzusehen und werden fortwährend aktualisiert. Zu sensibel ist das Geflecht rund um diese erste Straßenmeisterschaft.

 

Auch die Medien werden in Esplingerode gut vertreten sein. Auch sie müssen sich streng an die Vorschriften halten. „Es hat sich der MDR angekündigt und es wird einen Livestream auf sportdeutschland.tv geben“, kündigt der BDR-Funktionär an, der sich nichts mehr wünscht, als sich am späten Sonntagabend nach bestens absolvierter Veranstaltung entspannt daheim mit einem guten Glas Rotwein zurücklehnen zu können. Dann nämlich, wenn der Wettkampftag ein gutes Ende nimmt und der Blick weiter nach vorne gehen kann. Denn: „Es bleibt unberechenbar und eine große Herausforderung“, weiß der 64-jährige Radsport-Macher. „Es gilt sich zu beweisen. Klappt das nicht, könnte der Rest auf der Kippe stehen!“

 

Der württembergische Radsport-Nachwuchs steht im Harz am Start. WRSV-Trainer Bodo Kriegs (U17/U19) nimmt vier Juniorenfahrer des „WRSV-Holczer Radsport-Team“ mit. Realistisch gesehen „nur um zu lernen, ohne jegliche Platzierungschance.“ Nach dem Lehrgang noch Anfang März auf Mallorca, war nicht nur für seine Schützlinge erst einmal Schluss. „Keine Begegnungen, keine Rennen, keine Lehrgänge“, so Kriegs, „trotzdem haben alle trainiert und gehofft und hoffen immer noch. Begonnen haben wir dann mit gemeinsamen Bahn-Maßnahmen im Mai - erst mit vier Fahrern, dann mit zehn und jetzt könnte man ja mit bis zu 20 Sportlern zusammen trainieren. Allein, über soviele Kaderfahrer verfügen wir ja nicht. Es folgt nach der EZF-DM eine Wettkampfpause. Am 6.September geht es mit dem Vierer-Rennen in Genthin weiter. Der Rest ist auf schwachen Füßen geplant und sehr unsicher.“ (Kriegs)

 

Auch die württembergischen Juniorinnen starten morgen bei der Zeitfahrmeisterschaft und reisen mit Trainer Kostas Georgiadis an. Das WRSV-Duo Lucy Mayrhofer (RV Radlerlust Gomaringen und Roxane Gall (SV Reudern) gehört zum RBW-Team, Radsport Baden-Württemberg. Die Corona-Auszeit nutzten die RBW-Athletinnen U17 und U19 auch um Neues auszuprobieren. „Wir haben mit einem Teil in „Zwift“ (der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) hatte zusammen mit dem Partner «Müller – Die lila Logistik» eine Rennserie auf der Online-Plattform «Zwift» mit dem Titel «GCA Klassiker» unter anderem für Nachwuchssportler/innen ins Leben gerufen) virtuell gekämpft. Es gab aber auch einen eigenen virtuellen Leistungstest für alle Sportlerinnen. Zudem trafen wir uns mit Beginn der Lockerungen zu einzelnen Einzelzeitfahr-Tests. Im Juni trainierten wir dann jeden Mittwoch auf der Bahn – auch mit dem Derny,“, fasst Schrittmacher-Lizenz-Inhaber Georgiadis zusammen.

 

Bei den Schülern und Schülerinnen geht es ebenso weiter. Am heutigen Samstag, 11.Juli 2020, finden disziplinübergreifenden Schüler-Sichtungsmaßnahmen auf der Radrennbahn in Öschelbronn statt. Dabei werden Schülerfahrer/innen aller Disziplinen erwartet. „Die breitgefächerte Radsportausbildung über alle Radsportdisziplinen hinweg ist der Radsport-Baden-Württemberg sehr wichtig. Ein solches Angebot soll Schülerfahrer/innen die Möglichkeit geben, sich in den ihnen bekannten Disziplinen zu verbessern, aber auch neue Radsportdisziplinen zu entdecken. Alle Maßnahmen sind auch für nicht lizenzierte Fahrer/innen offen“, hebt Johannes Kauz,
Landestrainer/Talent-Scout für U13/U15 Straße/Bahn in seiner Einladung hervor. Für die Nachwuchsfahrer/innen um WRSV-Schüler-Trainer Holger Roth Schüler/innen ist es der zweite Lehrgang in Öschelbronn „nach unserem "Neustart" und Roth hofft derweil auf eine steigende Teilnehmerzahl.

 

Es folgt am 18. Juli 2020 auf der Radrennbahn in Singen das erste Bahnrennen in diesem Jahr mit Zeitfahrwettbewerbe für U15 bis U19 weiblich und männlich. „Die Veranstaltung wird als Leistungsüberprüfung in Zeitfahren und Einerverfolgung ausgetragen und ist offen für BRV- und WRSV-Fahrer/innen der Klassen U15, U17 und U19. Dank eines umfangreichen und überzeugenden Organisations- und Hygiene-Konzepts, erarbeitet von Rainer Maier (1. Vorstand, RIG Hegau), werden die Nachwuchsfahrer/innen endlich ihre Leistung unter Wettkampfbedingungen messen können. An diesem Termin war ursprünglich die Landesverbands-Meisterschaft Bahn-Ausdauer geplant, die wir in diesem Jahr nicht wie gewohnt austragen werden können“, heißt es in der offiziellen RBW-Einladung.

 

Nach dem absoluten Stillstand im Sport freut sich nun auch das dienstälteste Frauen-Bundesliga-Team „Team Stuttgart“ auf den Neustart. Die Mädels um Team-Chef Olaf Janson wollten eigentlich unter anderem in diesem Jahr in Stuttgart um den Titel der Deutschen Meisterin mitfahren. Janson: „Wir sind inzwischen im 26. Jahr. Im Team sind derzeit zehn Sportlerinnen. Wir hatten ein sehr gutes Rennprogramm für dieses Jahr aufgestellt mit mindestens drei Etappenrennen , acht UCI-Rennen im Ausland, zehn Bundesliga-Rennen und zahlreichen nationale Rennen.“ Da bislang fast alles wegplatzte, versuchten sich die Fahrerinnen anderweitig zu helfen: „Sie haben sich weiter fit gehalten und auch mal etwas anderes ausprobiert. So ist Hannah Fandel die virtuelle „GCA Liga powered bei Müller – Die lila Logistik“ (Start im April) erfolgreich mitgefahren. Unser erstes Teamtreffen (in der der „neuen Zeit“) fand vorletztes Wochenende auf dem Inselsberg in Thüringen statt. Dies hat uns allen sehr gut getan. Endlich mal bekannte Gesichter wiedersehen und quatschen“, freut sich Janson. „Die Perspektive, dass es demnächst wieder Rennen geben soll, hat alle aufgemuntert. Endlich gibt es wieder ein Ziel!“.

 

Der Referent für Frauenradsport im WRSV verbrachte während des coronabedingten Stillstands viel Zeit mit Recherche: „Wir wussten oft nur durch fortwährend eigenständiges Suchen auf der rad-net-Seite, ob Rennen abgesagt, verschoben oder stattfinden würden. Wir sind aber sehr froh, dass es der BDR geschafft hat, einen Veranstalter für die verschobene DM-Straße zu finden. Die Verlegung der Deutschen Meisterschaft in Stuttgart (hätte im Raum Stuttgart/Öschelbronn stattfinden sollen) auf das nächste Jahr hat uns sehr getroffen, war es doch einer der Höhepunkte der Saison - mit dem Ziel um den Titel mitfahren zu können“, bedauert Janson die Stuttgarter Absage, ist aber - wie seine Fahrerinnen - weiterhin motiviert und hofft „nun darauf, dass wir tatsächlich eine Deutsche Meisterschaft fahren können und die noch restlichen, beziehungsweise verschobenen Bundesliga-Rennen stattfinden können.“ Auch um etwaige Startmöglichkeiten im Ausland werden sie sich bemühen.

 

Der Blick geht aber auch schon ins nächste Jahr. Auch 2021 wird es das „Team Stuttgart“ geben.

„Sportlerinnen (bevorzugt aufsteigende Juniorinnen) können sich gerne bewerben“, gibt Teamleiter Olaf Janson mit auf den Weg.

 

Bild oben: Team Stuttgart 2020

 

Die Deutschen Straßenmeisterschaften der Elite sollen nun am 23. August 2020 auf dem Sachsenring stattfinden. Dieser Termin wurde vom Weltradsportverband UCI für die nationalen Titelkämpfe fixiert. Eine große Herausforderung, wie BDR-Vize Günter Schabel auch zu diesem Termin betont. „Wir hätten es uns einfach machen und alle Rennen in diesem Jahr absagen können, aber wir wollen unseren Sportlerinnen und Sportlern Veranstaltungen bieten. Das ist unser Ehrgeiz!“.

 

Zuvor, nämlich am 2.August 2020, wollen bereits die U23-Fahrer angreifen. Dann sollen in Diekirch (Luxemburg) die Drei-Länder-Meisterschaften gemeinsam mit den U23-Athleten aus Luxemburg und der Schweiz ausgetragen werden.

 

Bild oben: Zwei vom BDR: Günter Schabel (links, Vize-Leistungssport), Erik Weispfennig (Vize-Vertragssport)

 

                                                                     - Ende Teil 1 (Teil 2 und 3 mit Rennserien/ Gedanken zur Zukunft/KT-T

                                                                       Teams/Nachwuchsarbeit/ Vereine in Corona-Zeiten folgt in Kürze) -

 

Text: uhu

Fotos: uhu /Team Stuttgart

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